Diesseits von Thomas Jonigk

Paula hat eine medizinische Unerklärlichkeit im Kopf. Und morgen, um Punkt 16:30 Uhr, soll sich zeigen, ob diese gut- oder bösartig ist, ob alles weitergeht oder ein abruptes Ende findet. Was viel drängender als sonst die Frage für Paula aufwirft, was genau das ist, was da vielleicht zu Ende geht: ihr Leben. Unweigerlich wird die Suche nach einer Antwort auch zu einer Bestandsaufnahme, in welcher der schmerzlich vermißte erste Orgasmus ebenso wenig fehlen darf wie das berufliche Scheitern und die Katastrophen des sozialen Umfeldes. Viel mehr aber entlarvt Paulas Highspeed-Trip, zu welch absurdem Schraubstock das Leben wird, wenn eigene und fremde Anforderungen, Wertvorstellungen und Schuldzuweisungen ihr unheilvolles Werk tun. Paula trifft auf ihren Vater, der vor 30 Jahren starb und der nun auf der Szene erscheint, als wäre nichts gewesen. Sie verachtet ihn dafür, daß er ein Schwächling und Versager war. Gleichzeitig aber merkt sie, wie sehr sie ihn vermißt, und er wird zu einer Art Verbündetem gegen das schmierige und herablassende Mitgefühl von Schwester und Schwager. Und Paula begegnet Dietmar, der sich schon durch seinen Namen als Traumprinz zu disqualifizieren scheint, tatsächlich aber eine zarte Romanze auslöst. Am Schluß erscheint er gar mit einer Rose in der rechten Hand dort, wo sich etwas entscheiden soll – in der Arztpraxis. Mit gewohnt trockenem Humor und in rasanter Formulierungskunst spießt Thomas Jonigk die vielen Facetten zeitgemäßen Scheiterns auf. Dabei wird DIESSEITS aber nie zum ironisch-abgeklärten Spektakel, sondern wagt Intimität und Zerbrechlichkeit. Damit gelingt dem Autor nicht weniger als eine moderne Ode an die Liebe – im Diesseits.